Es war einmal ein Wunsch…

 

In Liechtenstein blüht die Sprache «Die Gebärdensprache ist Teil unserer Gesellschaft und bekommt einen Platz dafür».

Dieser Wunsch ist Wirklichkeit geworden – mitten in Vaduz! Auf dem Peter-Kaiser  Platz,

zwischen Regierungsgebäude und Landtags, ist seit Mitte September 2021

ein Quadratmeter ganz speziell der Gebärdensprache gewidmet.


Die Geschichte…

Wie ist die Skulptur «Blühende Sprache – Liebeserklärung an die Gebärdensprache» entstanden?

August 2020

Im Sommer bekam unser Gehörlosen Kulturverein Liechtenstein die Möglichkeit, ein Sozialprojekt bei den Liechtensteinischen Kraftwerken (LKW) einzureichen.

September 2020

Mitte September präsentierte der GKVL ein Konzept bei den LKW. Beim Projekt sollte die Gebärdensprache im Mittelpunkt stehen und in Form einer Skulptur dargestellt werden. Ein paar Wochen später erhielt der GKVL die Zusage für eine grossartige finanzielle Unterstützung im Herbst.

November 2020

Bei der Premiere des Dokumentarfilms «Die Zeit läuft für uns», durften Mitglieder des GKVL, Regierungsrätin Katrin Eggenberger im S-Kino in Schaan kennenlernen. Sie war verantwortlich für das Ministerium für Äusseres, Justiz und Kultur. Später, Anfang November, nahm Jutta Gstrein mit ihr Kontakt auf, um das Projekt «Gebärdesnprache-sichtbar» zu besprechen. Dies war der Beginn einer hervorragenden Zusammenarbeit, denn Katrin Eggenberger unterstützte den GKVL, wo sie nur konnte. Sie trug viel dazu bei, dass dieses Projekt ein voller Erfolg wurde.

Dezember 2020

Am 14. Dezember überreichten die Liechtensteinischen Kraftwerk (LKW) offiziell ihre Spende von

Fr. 15`000.—an Heidi Oehri, Präsidentin des GKVL. 


Volksblatt Spenden-Übergabe

2020 12 14 LKW unterstützt KIT und Gehörlosen Kulturverein

Welch ein schwieriges Jahr, dieses 2021!

Corona war überall Hauptthema und erschwerte die Arbeit.

Umsetzung der Pläne und Produktion der Skulptur

Nach der Check-Übergabe begann Jutta Gstrein, als Verantwortliche für die gesamte Koordination, das Projekt umzusetzen. Unterstützt wurde sie dabei von GKVL Präsidentin Heidi Oehri. Peter Hemmi, ein gehörloser Künstler aus der Schweiz, wurde mit der künstlerischen Gestaltung beauftragt. Das Ziel: Gebärdensprache kunstvoll und gut sichtbar darzustellen. Eine Skulptur mit dem Namen «Blühende Sprache – Liebeserklärung an die Gebärdensprache» sollte mitten in Vaduz die Menschen für unsere Muttersprache sensibilisieren. Es folgten unzählige Gespräche, viele Sitzungen und ein kilometerlanger Schriftverkehr.

Mit Regierungsrätin Katrin Eggenberger und ihrem Team wurden mögliche Standorte für die Skulptur besichtigt.

Ein erster möglicher Standort war beim Eingang zum Amt für Kultur. Allerdings musste von der Bauleitung noch abgeklärt werden, ob der Platz für das grosse Gewicht der Skulptur geeignet war, denn unter dem Platz befindet sich die leere Feuerwehr-Garage.

Ein zweiter möglicher Standort, scherzhaft «die leere Schublade» genannt, befand sich beim Landesmuseum, gegenüber dem Börsenhaus.

Schliesslich der dritte mögliche Standort, der Peter-Kaiser Platz. Am Besichtigungstag schneite es stark und es war kalt. Schnell war klar, dass der Standort der Skulptur auf dem Peter-Kaiser Platz, zwischen dem Regierungsgebäude und dem Landratsgebäude am idealsten war. So war das Kunstwerk am besten sichtbar und wurde von einem grösstmöglichen Publikum beachtet.

21. Februar - Tag der Muttersprache 

Eine Information erschien im Volkblatt über den Tag der Muttersprache zum Therma «Gehörlosen Kulturverein Liechtenstein – Gebärdensprache ist Heimat».

In diesem Artikel sensibilisierte der Gehörlosen Kulturverein die Leserinnen und Leser für die Gebärdensprache und wies erstmals öffentlich auf das künstlerische Projekt im Sommer hin:  

2021 02 19 Vaterland - Tag der Muttersprache - «Gebärdensprache ist eine Muttersprache»

2021 02 21 Volksblatt - Tag der Muttersprache «Gebärdensprache ist Heimat»

Von der Produktion bis zur Fertigstellung der Skulptur

Während alle gespannt auf das «künstlerische Projekt» warteten, das die Presse im Februar angekündigt hatte,

In Volketswil wurde ein Eisenrohr von 3,5 Metern Höhe und einem Durchmesser von 50 Zentimetern nach Mass angefertigt. 15 Händepaare wurden mit einem Wasserstrahler ausgesägt und die ausgesägten Hände an bestimmten Stellen des Rohrs wieder angeschweisst. Ausserdem wurde eine kleine Türe befestigt, damit innwändig eine LED-Beleuchtung angebracht werden konnte und die Skulptur bei Bedarf innen gereinigt werden kann.

Die fertige Eisenplastik wurde dann von Volketswil nach Freienbach zur Firma Steinbrüche transportiert, um sie auf einem Steinsockel zu montieren.

Alle Stellen ohne Rost mussten rostig gemacht werden. Die fertige gleichmässig rostige Skulptur

Der Steinsockel wurde mit den Massen 120 x 120 x 40 cm, vierseitig bossiert, oben mit sternförmig angeordneten Ritzen gefertigt, und das fertige Rohr darauf befestigt.  

Befestigung der Skulptur auf dem Steinsockel

Vorbereitung des Transports nach Vaduz

Weil das Aussehen der Skulptur bis zur Einweihung geheim bleiben sollte, nähte eine Sattlerin der Sattlerei Zürich aus einem 24 Meter langen Stoff eine Abdeckhülle und brachte sie zur Firma Steinbrüche zur Anprobe. Sie passte auf Anhieb perfekt.

Steinfels-Mitarbeiter und Sattlerin beim Verhüllen der Skulptur zur Probe

August 2021

Inzwischen war es August geworden und Zeit, Einladungen zu verschicken und die Presse zu informieren, dass am 16. September 2021 auf dem Peter-Kaiser Platz eine Skulptur enthüllt werde, welche die Gebärdensprache sichtbar mache. 

Die Presse nahm diese Mitteilung auf und veröffentlichte folgende Artikel:

2021 08 19 Volksblatt – «Am 16. September wird eine Skulptur enthüllt, Gebärdensprache sichtbar machen»

2021 08 24 Vaterland - Hinweis «Gehörlosen Kulturverein erhält Skulptur auf Peter-Kaiser Platz»

 

Wenige Tage vor der Enthüllung der Skulptur…

Am 13. September wurden der fertige Steinsockel und das Eisenrohr mit einem Spezial-Lastwagen mit Kran transportiert und auf dem Peter-Kaiser Platz aufgestellt. Heidi und Rainer Oehri sowie Ramona Marxer vom GKVL bedeckten die Skulptur schliesslich mit der Abdeckhülle. 

Einen Tag vor der Enthüllung der Skulptur…

Am 14. September reiste der Präsident des Weltverbandes der Gehörlosen (WFD), Dr. Joseph (Joe) Murray nach Liechtenstein, um bei der Enthüllung der Skulptur dabei zu sein. Am Abend zuvor hielt er im Clubraum des Gehörlosen Kulturvereins in Triesen einen Vortrag über den Weltverband der Gehörlosen und dessen Aufgaben, denn der WFD feierte 2021 sein 70-jähriges Jubiläum.

Bericht: Der Weltverband der Gehörlosen stellt sich vor

16. September 2021 

– Vormittags, vor der Enthüllung der Skulptur…




(siehe Medien Sendung 1FLTV).

1FLTV filmt und macht ein Interview für die Veröffentlichung in den Medien.

Ein Austausch findet statt zwischen dem WFD, dem Verein für Menschenrechte und dem Gleichstellungsbüro der Menschen mit Behinderung

16. September 2021 – Nachmittags, Enthüllungsfeier der Skulptur

Trotz starkem Regen wird die Enthüllungs- und Einweihungsfeier der Skulptur ein voller Erfolg. 

Das Festprogramm ist gut gefüllt mit verschiedenen Beiträgen


Toller Auftakt mit Gebärden-Darbietung von Kindern…

Zur Einstimmung gebärdeten Kinder auf der Bühne, dass die Gebärdensprache schön, bunt und vielfältig ist.

Präsidentin Ramona Marxer gratulierte und bedankte sich für das schöne Gebärdenlied als Willkommensgruss.


Auch Politiker waren dabei…

Regierungsrat Manuel Frick hielt eine Rede und betonte, dass die Skulptur ein wichtiger Beitrag sei, um die Gebärdensprache in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Die Regierung unterstütze den GKVL in seiner Sensibilisierungsarbeit, denn alle Menschen müssten die Möglichkeit haben, Informationen in ihrer Muttersprache zu bekommen. Der Regierungsrat freute sich deshalb besonders über die Darstellung der Gebärdensprache zwischen dem Regierungsgebäude und dem Landtag.

Video: Joe Murray

Weltverbands-Präsident spricht Klartext…

Dr. Joseph Murray, Präsident des Weltverbands der Gehörlosen (WFD) war von weit her angereist. Er gebärdete, es gebe nun jeden Tag einen Grund, das Kunstwerk „Blühende Gebärdensprache“ zu feiern.  Weltweit gebe es etwa 70 Millionen Menschen, die in Gebärdensprache kommunizieren. Das Recht auf Gebärdensprache sollten alle Gehörlosen in allen Lebensbereichen bekommen. Die Identifikationsfarbe des WFD sei die Farbe Blau, erklärte Murray weiter. Blau sei das Symbol für die Unterdrückung der Gebärdensprache, aber auch für die Hoffnung. Denn trotz Unterdrückung während vieler Jahre, gebe es die Gebärdensprache immer noch. Die Gebärdensprache lebe weiter, weil diese Sprache von Gehörlosen gelebt werde. Und weiter sagte der Präsident des WFD: «Die Skulptur steht im Herzen von Vaduz. Das bedeutet, dass Gehörlose mittendrin sind. Dieses Jahr feiert der WFD den 70. Geburtstag und kämpft weiter für die Anerkennung der Gebärdensprache. Sehr, sehr viele Länder haben die Gebärdensprache mittlerweile durch die UN-Behindertenrechtskonvention anerkannt und Gesetze für die Unterstützung von Gebärdensprache erlassen. Liechtenstein hat die Behindertenrechtskonvention im September 2020 unterschrieben – ein wichtiger Schritt. Aber jetzt braucht es noch die gesetzliche Anerkennung in Liechtenstein. Alle Kinder und Erwachsenen brauchen Zugang zu ihrer Muttersprache. Für Gehörlose ist Gebärdensprache ihre Muttersprache. Nur mit Zugang zu Gebärdensprache können sich Gehörlose gleichwertig wie Hörende einbringen und entwickeln.»

Gebärdensprache ist… schön!

Vanessa Buser zeigte eine Gebärdensprach-Poesie und erzählte von einem Kind, das nichts hört und deshalb nichts versteht – bis das Kind die Gebärdensprache entdeckt und ein gleichwertiger Teil der Gesellschaft wird.

Video: Poesie

Der Gebärdensprache ist… sichtbar!

gehörlose Künstler Peter Hemmi, welcher die Skulptur geschaffen hatte, blickte auf seine Kindheit zurück. Als Kind sei die Gebärdensprache verboten gewesen und er habe sich geschämt, erklärte er. «Hörende sagten, die Gebärdensprache sei keine Sprache und nichts Besonderes. Heute ist besonders schön, dass in Vaduz ein Jahr lang die Gebärdensprache gesehen wird», fügte Peter Hemmi hinzu. Die drei Meter grosse Skulptur ist Hemmis Liebeserklärung an die Gebärdensprache. Initiantin Jutta Gstrein ergänzte, dass nun mitten in Vaduz ein Quadratmeter Boden für die Gebärdensprache Platz biete. Der Boden sei wie eine Verankerung, wie ein Baum mit Wurzeln. Die Sprachwissenschafterin Penny Boyes Braem habe die Gebärdensprache mit einem blühenden Garten verglichen.

Die Skulptur von Peter Hemmi wird im Dunkeln in verschiedenen Farben beleuchtet und zeigt, wie bunt und strahlend die Gebärdensprache ist. 

Und plötzlich hörten die Hörenden nichts mehr...

Alle Ansprachen wurden entweder auf Deutsch oder in die Gebärdensprache gedolmetscht. So konnten alle – Hörende und Gehörlose – den Anlass gut verstehen. Gegen Ende der Veranstaltung fiel plötzlich die Tontechnik aus und die Hörenden konnten nicht mehr hören, was die Dolmetscherin übersetzte. So konnten sie selbst erfahren, wie es ist, wenn man nichts verstehen kann…

Endlich der grosse Moment der Enthüllung…

Viele neugierige Zuschauer beobachteten interessiert das Programm. Niemand wusste, was sich unter dem dunkelblauen Stoff mit der türkisfarbenen Schleife genau versteckte... Die Spannung stieg…

…bis schliesslich GKVL-Präsidentin Ramona Marxer und Ex-Präsidentin Heidi Oehri das Geheimnis lüfteten und die Skulptur enthüllten.

Grosse Freude herrschte über die gelungene Einweihungsfeier bei Initiantin Jutta Gstrein, beim GKVL-Vorstand, dem Künstler Peter Hemmi…

…und natürlich auch beim Publikum! Das Geheimnis war gelüftet, jeder konnte die Skulptur genau betrachten und für alle gab es einen Apero. Gemeinsam freuten sich Hörende und Gehörlose an der Skulptur und am Austausch miteinander.

Barrierefrei zu Informationen über die Skulptur…

Die «Barrierefrei»-Info-Tafel mit einem QR-Code bei der Skulptur ist auch für Sehbehinderte gedacht, die sie mit dem Finger lesen können. Im QR wird die Information für Hörende gesprochen und für Schwerhörige untertitelt.  An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Fachbereich Chancengleichheit für die grosszügige finanzielle Unterstützung für diese Tafel!

QR-Code


Auch bei Nacht blüht und leuchtet die Gebärdensprache…

Nachts vermittelt die Skulptur ihre Botschaft «Liebeserklärung an die Gebärdensprache» durch leuchtende Hände in verschiedenen Farben.

Ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten!

Dass dieses ganze Projekt so erfolgreich realisiert werden konnte, verdanken wir vielen Helfern vor und hinter den Kulissen. Dafür möchte sich der GKVL nochmals ganz herzlich bei allen bedanken!

Ein besonderer Dank geht an die Sponsoren und Gönner, allen voran die Liechtensteinischen Kraftwerke, die Regierung von Liechtenstein, insbesondere Frau Katrin Eggenberger (sie war bis Februar 2021 Regierungsrätin für Kultur), die Behörden, den Liechtensteiner Behindertenverband (LBV), den Verein für Menschenrechte (VMR) und den Fachbereich Chancengleichheit.

Weiter danken wir den Fest-Rednern, den Medien und dem Künstler Peter Hemmi, der diese Skulptur so wunderbar geschaffen hat.

Speziell erwähnen und danken möchten wir der langjährigen GKVL-Präsidentin Heidi Oehri, die Projektleiterin Jutta Gstrein Mut und Unterstützung für die Umsetzung gegeben hat.

Ebenfalls danken wir dem GKVL-Vorstand für die Unterstützung, insbesondere für das Einrichten des Festplatzes, dem GKVL-Mitglied Rita Schwyter für die schönen Fotos, allen freiwilligen Helfern und weiteren Beteiligten, die hier aus Platzgründen nicht namentlich erwähnt werden können.

Ein starkes Symbol für den Wert und die Kraft der Gebärdensprache

Die Sendung „Signes“ im Schweizer Fernsehen SRF unter dem Titel „Visuelle Kraft der Stille – Eine Reise durch die Künste“. Unter anderem wurde darin ein Filmbeitrag über die Enthüllung der Skulptur „Blühende Sprache – eine Liebeserklärung an die Gebärdensprache“ in Vaduz gezeigt. Der Filmausschnitt dauert zirka 6 Minuten.

Filmausschnitt „Blühende Sprache“ Vaduz

Zur Sendung: Die visuelle Kraft der Stille – Eine Reise durch die Künste

…und wie geht es weiter?

Bis am 5. August 2022 konnte die Skulptur noch auf dem Peter-Kaiser Platz in Vaduz besichtigt werden.

Ein neuer Platz wird gesucht, die Gemeinde Vaduz gibt unserem Verein baldmöglichst Bescheid! 

Jutta Gstrein,

Ideenfinderin und engagierte Vertreterin der Gehörlosenkultur. Seit kurzem pensioniert, bleibt weiterhin für die Sensibilisierung zu Gebärdensprache und Gehörlosenkultur im Gehörlosen Kulturverein Liechtenstein aktiv.

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